letzte Aktualisierung: 06.02.2012 13:31:27

Andacht

Euch ist heute der Heiland geboren

Luk. 2,11

I. Haben Sie schon einmal einen schwarzen Schwan gesehen?

Überhaupt - ist ein schwarzer Schwan nicht ein Widerspruch in sich? Ebenso wie ein weißer Schimmel oder ein hölzernes Eisen?? Jahrhundertelang dachte man so. (Ich übrigens auch bis vor kurzem): Alle Schwäne sind weiß!

Seit 1791 kann man es besser wissen. Damals lief wieder einmal ein Schiff aus Australien im Hafen von London ein. Unter den Kisten und Kasten aus dem 5. Kontinent befand sich auch ein Behälter mit einem seltsamen Vogel - einem neu entdeckten schwarzen Schwan. Einem sogenannten "Trauerschwan", wie sie in Australien leben. Die Trauerschwäne sehen aus wie ihre weiß:en Vettern, tragen aber zum roten Schnabel ein schwarzes Gefieder. Schwarze Schimmel bleiben ein Widerspruch in sich, schwarze Schwäne nicht.

Schwarze Schwäne gibt es wirklich. Man sieht sie aber sehr, sehr selten! In Deutschland leben ganze 50 Trauerschwäne in Freiheit. Sie sind an das hiesige Klima nicht gewöhnt. Normalerweise bleiben sie im schönen Australien und fliegen dort einige hundert Kilometer hin und her. Im Unterschied zu ihren weißen Verwandten sind sie keine Zugvögel. Also, es gibt sie zwar, die schwarzen Schwäne, aber in Deutschland und in vielen anderen Ländern spielt das keine Rolle, weil man nie einem begegnet. So wurde der "schwarze Schwan" zum Symbol fuür etwas Unvorhersehbares.

II. In diesem Jahr schrieben die Zeitungen öfter über den schwarzen Schwan. So das Handelsblatt: "Der Schwarze Schwan ist der Sendbote einer neuen Zeit, in der die alten Wahrscheinlichkeiten nicht mehr gelten."

Im Hintergrund steht ein Bestseller mit dem Titel "Der Schwarze Schwan". Er erschien 2007 und wurde bisher in 31 Sprachen uübersetzt. Sein Verfasser ist der Risikoforscher und Mathematiker Nassim Nicholas Taleb. Seine Botschaft: Extrem unwahrscheinliche Ereignisse - im Bilde gesprochen: die Begegnung mit einem schwarzen Schwan - gibt es viel häufiger, als wir denken. Wir leben in einer Zeit, in der die alten Wahrscheinlichkeiten nicht mehr gelten. Unser Denken basiert auf Regelmaäßigkeit. Wir denken in schlüssigen Geschichten, verknüpfen Fakten zu einem stimmigen Bild, nehmen die Vergangenheit als Modell für die Zukunft. In unsere Prognosen gehen keine unvorhersehbaren Ereignisse - keine schwarzen Schwäne - ein. Geschehnisse, die alle Erwartungen uübersteigen, können nicht beruücksichtigt werden. So schaffen wir eine Welt, in der wir uns zurechtfinden.

Aber die Wirklichkeit ist anders: Chaotisch, überraschend, unberechenbar. Die Wendungen in Fukushima, in Ägypten und in Griechenland galten als so unwahrscheinlich wie die Begegnung mit einem schwarzen Schwan an dem schoönen Teich im Rudolph-Wilde-Park.

    Bisher nahm man an: Ein GAU in einem Atomkraftwerk ist denkbar unwahrscheinlich. Fukushima belehrte die Welt eines Schlimmeren.
    Bisher nahm man an: Für Demokratie ist in arabischen Ländern kein Raum. Die sogenannte Arabellion in Ägypten, Libyens Tunesien, dem Jemen und Syrien belehrten uns eines Besseren.
    Bisher nahm man an: Eine Staatspleite ist im Euro-Raum ausgeschlossen. Heute wankt Griechenland am wirtschaftlichen Abgrund. Man befuürchtet einen Domino-Effekt auf andere Staaten.
    Bisher nahm man an: Es gibt keinen Terror von Rechts in Deutschland

III. Auch Gott kommt in unseren Prognosen nicht vor. "Gott hat sich mir noch nicht vorgestellt", pflegte ein Bekannter zu sagen, wenn unser Gespräch auf die Religion kam. Meine Antwort: "Das muss nicht so bleiben." Zwei Beispiele dafuür, wie die Weihnachtsbotschaft alte Wahrscheinlichkeiten sprengt:

Erstens: Auch den Hirten in der kalten Winternacht auf dem Feld drau§en vor der Stadt Bethlehem hatte sich Gott noch nicht vorgestellt. Ihr Hirtenleben lief um ein Vielfaches gleichförmiger ab als unseres. Was sie erlebten, spielte sich um einen stabilen Mittelpunkt herum ab. Etwas Außergewöhnliches gab es da nicht. Plötzlich vernehmen sie mitten in der Nacht Worte, die sie aus ihrer Routine reißen, die all ihre bisherigen Erfahrungen übersteigen: "Euch ist heute der Heiland geboren." Dabei gehen ihnen auch die Augen über vom Glanz der himmlischen Heerscharen. Sie brechen auf und finden das Kind in der Krippe. So werden sie zu Menschen, die Gott loben. Dieser Ruf, den die Hirten vernahmen, ist von grundsätzlicher Bedeutung. Die Menschwerdung in Jesus Christus zeigt, wie nah Gott allen Menschen gekommen ist. Näher, als wir es fuür möglich halten. Ja, Gott will nicht mehr ohne uns sein. Er will nicht mehr allein fuür sich Gott sein. In Jesus Christus hat er sich in die Menschheit mit allem, was sie bewegt und bedruückt, eingefügt, ohne aufzuhören Gott zu sein. Jederzeit kann uns sein Ruf erreichen. Nicht wenige feiern Weihnachten, weil er sie bereits erreicht hat. Weil sie wissen: Auch fuür mich ist heute der Heiland geboren.

Das zweite Beispiel: Gottes Gegenwart entzündet eine Flamme: "Siehe, ich ver- kuündige euch gro§e Freude, die allem Volk widerfahren wird." (Luk 2,10) Wir kennen die Verlaufskurve unserer Weihnachtsfreude: Erst die Vorfreude, dann die Hauptfreu- de am Hl. Abend mit Tannenbaum und Bescherung, dann die abklingende, vielleicht schon gestörte Freude in den Feiertagen. Spätestens, wenn die Zeiger der Uhr den Jahreswechsel anzeigen und das Feuerwerk am nächtlichen Himmel aufblitzt, ist die Weihnachtsfreude vergessen. Ð Wirklich?

Die Freude, die in der Heiligen Nacht aufleuchtet, übersteigt das Übliche. Es geht nicht um Freude, sondern um die große Freude der Gottesbegegnung, von der gilt: "Eure Freude soll niemand von euch nehmen" (Joh 16,22). Sie ist mehr als anlassbezogener Frohsinn mit Verfallsdatum. Sie möchte als Grundton an allen Tagen unseres Lebens klingen und schwingen. Auch an den Tagen mit Ärger und Streit, auch an den Tagen mit Schmerz und Leid. "In dir ist Freude in allem Leide", hei§t es deshalb treffend in einem Choral. "Freude" ist hier ein anderes Wort fuür das Wohnen des Heiligen Geistes in unserem Herzen.

Christinnen und Christen in der ganzen Welt verankern sich täglich neu in der Weihnachtsfreude mit einem Gebet, das an die Menschwerdung Jesu Christi erinnert. Es wird zum Geläut der Kirchenglocken (mittags) gebetet. Ein Satz daraus lautet: "Aus des Engels Munde lass uns des inne werden, dass dein Sohn Jesus Christus hat angenommen unser Fleisch und Blut, auf dass wir durch sein Leiden und Kreuz zur Glorie der Auferstehung gelangen." (Aus dem Evangelischen Tagzeitenbuch, 1967) Man kann sich auch kürzer fassen und die Worte des Engels beten: "Siehe ich verkündige euch große Freude."

IV. In einer Zeit schwarzer Schwäne kann die Weihnachtsbotschaft nicht mehr mit Sätzen wie: "Gott hat sich noch nicht vorgestellt. Gott ist und bleibt stumm" und: "Freude ist vergänglich" lahmgelegt werden. Die alten Wahrscheinlichkeiten gelten nicht mehr unbesehen! Wir leben nicht nur aus der Vergangenheit, sondern auch aus der Zukunft Gottes: Wir sind offen für Ereignisse, die alle Erwartungen übersteigen. Dazu gehören auch die Selbstmitteilung Gottes in seinem Sohn und im Heiligen Geist und ihre Ausstrahlung in unser Leben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Christfest und ein Neues Jahr 2012, erfüllt von jener großen Freude, die niemand von uns nehmen kann!

Ihr Pfarrer Christian J. Hövermann