letzte Aktualisierung: 03.09.2010 21:44:00

Aus dem Kirchenkreis

Schönes aus Schöneberg — Streifzüge durch das Kirchenleben

Heute einmal Schöneberger Briefe, die mich erreichten. Eine Auswahl:

Ihre Einladung zur Feier der Goldenen Konfirmation:
Sehr geehrter Herr Barthen,
vielen Dank für Ihre Einladung. Es ist sehr freundlich, dass Sie sich noch an Ihre ehemaligen Konfirmanden erinnert haben. Inzwischen bin ich aber aus der Evangelischen Kirche ausgetreten, weil ich mich nicht mehr zum christlichen Glauben bekennen kann.
Die Vielzahl von christlichen Kirchen, ihr jeweiliger Dogmatismus und meine schlechten Erfahrungen mit Christen haben mich zu diesem unwiderruflichen Schritt veranlasst.
Ich freue mich immer noch über meine Befreiung und verbleibe
Mit freundlichen Grüßen.

Was bedeutet es, dass einer die Kirche, von der er sich verabschiedet hat, einer Antwort würdigt (mit Absender und Telefonnummer)? Fühlen wir uns bei den „schlechten Erfahrungen“, von denen der 64-jährige spricht, angesprochen? Und sind bei den Jahrgängen der aufrechten Pfarrer George und van Kann, bei den Konfirmanden, die jetzt Jubiläum feiern, eigentlich ebenso viele später ausgetreten oder haben sich von lebendiger christlicher Gemeinde abgewandt wie Konfirmanden aus anderen Gemeinden? Was kann man tun? Unbeirrt am Reich Gottes bauen für, nicht gegen die Welt und zugleich wissen: „Wo der Herr nicht das Haus baut, bauen die Bauleute umsonst, denn den Seinen gibt´s der Herr im Schlafe“ (Psalm 127) Wie bekommen wir nur die richtige Mischung von Tun und Lassen hin?

Eine Antwort auf die Erwähnung des Spitznamens „Blauköpp“ für Protestanten, so üblich im Rheinland:
Sehr geehrter Herr Barthen,
habe im Internet nachgeguckt und bin fündig geworden. Man lernt nie aus. Viel Spaß beim Lesen!
(sechs Varianten, davon hier nur zwei zitiert):

  1. Blau ist seit alten Zeiten die Farbe der Täuschung (das Blaue vom Himmel erzählen). Die Bezeichnung stellt also eine‚ Unterstellung der Katholiken dar (noch heute heißt es z.B. im Elsass: den Blauen ist nicht zu trauen).
  2. Die wahrscheinlichste Variante: die Blauköpp gehen auf die „preußisch–blaue“ Uniform der Soldaten Preußens zurück, die gerade im katholischen Rheinland als Besatzer und Quelle allen Übels betrachtet wurden.

Ein Briefumschlag aus Haus Schönow der Evangelischen Pflegeeinrichtung in Zehlendorf:
Kommentarlos 50 € mit aufgeklebten Blümchen und der Adressierung:
Spende für Aktion „Pfarrer aus eigener Kraft“ Kirche Zum Heilsbronnen.
Danke! So viele Wellen schlagen wir bis Schönow.

Ein Brief aus Frohnau:
Lieber Herr Barthen,
am Montag war ich mit meiner Schwägerin … beim Geburtstagskaffee (vielen Dank für den netten Nachmittag) Beim Verabschieden schenkten Sie mir den Heilsbronnen Gemeindebrief, nun möchte ich mich mit unserem Gemeindeblatt „Johanneskirche“ revanchieren. Vorsichtshalber jetzt per Post, weil ich nicht weiß, ob wir uns nächstes Jahr wiedersehen. Herzlichen Gruß von …

Dann blättere ich im eindrucksvollen Gemeindeblatt Frohnau. Von drei Pfarrern plus Diakon plus Vikar lese ich. Von einer Jugendfahrt zur Sommer–Sonnenfinsternis nach Novosibirsk (!). Von Bläserchor, Flötenkreis und „Jungem Blech Frohnau“. Vom Blick über den Zaun nach Lübars, wo nach 38 Jahren Pfarrer Luther nun eine junge Pfarrerin (!) begonnen hat. Und beide haben zusammen den Konfirmationsgottesdienst gehalten!! Und schließlich lese ich auf der Rückseite eine dramatische Einführung in den Elias von Mendelssohn, geschrieben von unserem Alt – Schöneberger Jörg Walter, den wir leider nach Frohnau abgeben mussten.
Es lohnt sich, der Blick über den Zaun. Kirche, wie sie leibt und lebt. Schön, wenn man sich wahrnimmt.

Eine Journalistin schreibt mir. Ein kompakter brauner Umschlag:
… Dieses Zeitdokument wollte ich Ihnen und der Gemeinde nicht vorenthalten …
Und dann folgt eine gebundene Sammlung der „Bilder – Boten für das evangelische Haus“, eine Beilage des Hannoverschen Sonntagsblattes. Dort steht in der Nr. 5 vom Mai 1925 auf Seite 3 ein Bericht zu lesen über die frühe Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde Zum Heilsbronnen:
… ist die Arbeitsgemeinschaft der Gemeinde Zum Heilsbronnen jetzt dazu übergegangen, auf belebten Straßen und Plätzen der Hauptstadt Tafeln, die eigentlich für Reklamezwecke bestimmt waren, zu erwerben, um den hastig Vorübereilenden ein Trost- und Mahnwort zuzurufen: Selig sind, die reinen Herzens sind oder Lasset euch versöhnen mit Gott. Dieser neue Weg der öffentlichen Mission … soll auch in Postämtern fortgesetzt werden.
(Das Original ist bei mir einzusehen).

Schließlich ein indirekter Brief. Das Unternehmen Thörner fürs Büro (Salzburger Str. 7) feierte 60–jähriges Jubiläum und auf dem Jubiläums–Faltblatt war ein Zitat des Firmengründers Gerhard Thörner von 1958 zu lesen. Seine, wie die Nachfolger schreiben, noch immer gültige Geschäftsphilosophie:

Ich weiß nicht, ob Herr Thörner Christ war. Aber es liest sich wie ein Wirtschafts-Credo, das auf Rücksicht, Ausgleich und Dienstbarkeit gestimmt ist. Einer trage des Anderen Last… Ob diese Beschränkung auch wirtschaftlich Frucht trägt? Wir wünschen der Fa. Thörner jedenfalls Gedeihen und auch von uns als Kunden hängt es ab, ob Firmen mit Verantwortungsbewusstsein weiter existieren können. Eine Beschränkung gibt die andere. Weder maximaler Profit noch maximale Preisknaller passen in die oben zitierte Firmenphilosophie.

Zum Schluss ein Buchtipp:
Plastiken von Waldemar Otto in Berliner Kirchen, Wichern – Verlag.
Die Kirche Zum Heilsbronnen mit schönen Photos und Zitaten von Pfarrer van Kann ist prominent vertreten (Ansichtsexemplar in der Suptur).

Ich grüße Sie nach dieser Briefwanderung. Mit Dank für alle Lebenszeichen

Ihr Wolfgang Barthen

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