letzte Aktualisierung: 03.09.2010 21:44:00

Aus dem Kirchenkreis

Schönes aus Schöneberg

– Streifzüge durch das Kirchenleben –

Kirche unterwegs. Wir sollten mehr unterwegs sein. Aus uns herausgehen, damit wir etwas von der Welt erfahren. Und die Welt von uns. Es fängt damit an, dass die Kirchentüren offen stehen. Noch zu oft drücken sich Menschen ihre Nasen an den schweren Scheiben unseres Portals platt. Junge Paare. Ausländische Besuchergruppen. Omas mit ihren Enkeln. Schnell mal öffnen. Wie dankbar Menschen für so Weniges sind. Als ob Kirche nicht gefragt wäre! Sie müsste nur da sein. Ob wir auch an Samstag- oder Sonntag-Nachmittagen die Kirche offen halten könnten? Einen dritten Nachmittag zusätzlich zu den beiden bisherigen? Fänden sich zusätzliche Ehrenamtliche, zumal fürs Wochenende? Aber, wie Bishop Richard from London bei seinem Besuch aus Anlass der Amtsübergabe von Wolfgang Huber im kleinen Kreis sagte: In der Großstadt ist dies die erste Funktion von Kirche: mit dem Schatz und Schutz ihrer Gebäude offen zu stehen, offen für Ruhe, für Inspiration, für Ausatmen und das Aufnehmen anderer Bilder, für das Betrachten oder Anzünden einer Kerze, für ein menschliches Wort durch einen fremden Nächsten, für ein eigenes stummes oder beredtes Gebet. Offene Kirche, wie eine unablässige Verkündigung des Evangeliums im Alltag. Zuflucht – Zuwendung – Zuhause-Sein. „ Das Haus, das die Träume verwaltet“, so hat Fulbert Steffensky unsere Kirchenräume beschrieben. Eine Anderwelt. Und wir hüten den Schatz, indem wir ihn blank putzen und zugänglich machen. Unverhofft kommen die Menschen: Wie letzten Donnerstag. Innen war „Treff im Café“, außen, auf den Treppenstufen bleibt eine Frau aus der Nachbarschaft stehen, „Kommen Sie doch rein!“ – „Ich will ja nur etwas loswerden.“ „Was denn?“ „Eine Gans und ein paar bunte Teller für eine bedürftige Familie in unserer Gemeinde. Ich kündige es an für Weihnachten 2009. Es gibt doch Arme oder? Bitte teilen Sie es aus, wir müssen nicht in Erscheinung treten.“ Der Zauber des unerkannten Wohltäters, wie in den echten Märchen und auch wie in der Bibel: Lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut (…). Matth. 6.3

Stoßseufzer, besonders denen gewidmet, die keine Gänse, sondern kleine, verantwortliche Jobs zu vergeben haben, damit ein junger Mensch weiß, wozu er nütze ist und wo er hingehört: Ich suche für einen 30-jährigen jungen Mann, bester Leumund, EDV-geprüft und verwaltungsmäßig ausgebildet eine kleine, regelmäßige Tätigkeit gegen Entgelt. (Es darf auch ein richtiger Job sein). Ich bin ansprechbar.

An anderer Stelle in Schöneberg hat sich eine Tür geöffnet. Im buchstäblichen und im übertragenen Sinne. Eine kleine Wundergeschichte. Vom Ghetto über den Friedhof ins Leben. Was meine ich? Sie kennen doch sicher den schönen Kirchhof Alt-Schöneberg, zwischen Hauptstraße und Belziger Straße! An seiner Westseite grenzt er an das Grundstück der Pfarrgemeinde St. Norbert, deren Nachbar wiederum ein altes Seniorenwohnhaus ist, in dem heute seelisch kranke Menschen wohnen, unter dem Dach der PINEL. Das ist ein in Schöneberg gewachsener Verein, der sich die Hilfe für psychisch Kranke zur Aufgabe gemacht hat. Seit einiger Zeit arbeiten Kirche und PINEL zusammen. Hinter dem Wohnhochhaus erstreckt sich ein Garten, der an die Friedhofsmauer grenzt. Bei einem Besuch stehe ich am Zaun und überlege, warum hier kein Törchen ist. Warum denn? Nachbarn könnten schneller zueinander finden, müssen nicht um den Block laufen, sondern durchs Grüne zueinander. Und war da nicht auch die Idee, dass Bewohner von PINEL auf dem Friedhof gärtnerisch helfen? Das täte gut. Das hilft beiden. (Frau Puttkammer, die Kirchhofsverwalterin, hat sofort ein offenes Ohr dafür). Und könnten die Monatsandachten, die unser Pfarrer Moldenhauer seit über einem Jahr mit den psychisch Kranken hält, nicht viel besser in der Kapelle Alt-Schöneberg als im Tanzsaal Pinellodrom stattfinden? Gesagt getan. Naja, über ein halbes Jahr hats’s gedauert, aber jetzt gibt es diese kleine, verschließbare Tür, und die Bewohner von PINEL wandern mit ihrem Pfarrer und Betreuer einmal monatlich aus dem geschützten Hafen Wohnhaus über den Friedhof des Lebens mit allen Namen und Blumen und Amseln hinauf auf den kleinen Berg zur Kapelle Gottes, wo sie IHM singen und Psalm beten vor einem richtigen Altar mit einem echten Kirchenmusiker und einem menschlichen Pfarrer. Gott die Ehre und manches kann losgelassen werden. Und sie tun das voll Freude.

Jesus Christus spricht: „Ich bin die Tür, wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden!“ (Joh. 10,9). Manchmal muss man sie auch wirklich bauen, damit man durch sie hindurch kann.

Letzter Blick auf Schöneberg im November (nur ein Punkt): Im Quartier rund um den Viktoria-Luise-Platz, in der Bamberger Straße, sieht man im großen Schaufenster in der Dämmerung ein Bild aus alter Zeit: Ein Schneider mit dem Plätteisen. Das Maßband umgehängt, die großen Scheren griffbereit, die Stoffe an der Wand, gleich wippt der Tritt der Nähmaschine. Beim näheren Blick sprechen die Kacheln der alten Fleischerei an der Wand ihre eigene Sprache. Ich war noch nie drin. Wie intensiv er arbeitet. Ruhig und aufmerksam. Da könnte man seinen Enkeln zeigen, was früher ein Schneider war. Ein paar Tage später. Ein Sakko zum Ausbessern hat sich gefunden. Ich betrete die wundersame Werkstattstube. Ein freundlicher, grauhaariger Mann. Der leichte Akzent verrät, dass er nicht in Berlin geboren ist. „Vor 41 Jahren aus Serbien gekommen, wollte ein paar Monate bleiben.“ Nun näht und säumt er immer noch. Lacht über sich und ist’s zufrieden.

Bist du Pfarrer von der Evangelischen Kirche? Ich bin ja orthodox. Aber ja, hier können ein paar Gemeindebriefe liegen. Gott liest in uns allen, was ihm gefällt und was uns nötig ist.

Schön, dass es so kleine und menschliche Orte noch gibt. Und nützlich dazu. Bin auf das Sakko gespannt.

Grüße übers Jahr hinweg. „Die neuen Tage öffnen ihre Türen“. Einen guten Weg in die Weite

Ihr Wolfgang Barthen

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