letzte Aktualisierung: 03.09.2010 21:44:00

Aus dem Kirchenkreis

Letzte Streifzüge durch das amtliche Kirchenleben

Ja, während ich dies schreibe, sind es genau noch 14 Tage verbleibender Dienstzeit. Exakt vor 38 Jahren (15.2.) habe ich in der Neuköllner Martin-Luther-Gemeinde meinen Dienst in der Kirche begonnen. Für das „Ruhegehalt“ (Gib Ruhe!) werden mir sogar 42½ Jahre angerechnet. Eine lange Zeit. Grund zum Danken, dass mir so lange Spannkraft, Gesundheit und Lust auf Neues beschert war. Dank für drei ganz unterschiedliche Kirchenäcker, auf denen ich graben, säen und auch nach eigenem Vermögen schürfen durfte (wilde Wüste Neukölln, beschauliche Aue Alt-Wilmersdorf, hochkirchliche Ausrufezeichen in Schöneberg).

Und gleich geht es los mit Einspruch und Nachfragen: Wie ist das gemeint? Wie war es wirklich? Wie war ich wirklich? Denn man sieht sich ja selbst so schlecht. Die anderen haben ein viel schärfer gezeichnetes Bild als man selbst. Wenn sie es einem nur sagten! Dann würde man versuchen, es in das Selbstbild mit aufzunehmen.

Was hat das denn mit Schönes aus Schöneberg zu tun? Ganz einfach: Es war schön in Schöneberg. Und ich war gerne hier. Ich habe viel gelernt. Sie waren mir schöne Schöneberger. Nein, es war nicht alles vertraut (so, ist das, wenn man auszieht aus dem Vaterhaus), und manches ist fremd geblieben, aber ich habe versucht, alles zu respektieren und selber ein guter Schöneberger (was ist das?), ein Botschafter für unsere Kirche und unsere Gemeinden hier zu sein. Ja, ganz oft auch für den stolzen Heilsbronnen, mit dem ich mich gerne identifiziert habe, so, als sei ich hier großgeworden und für den ich auch manchmal ein „Neuer“ war (mit 56 Jahren), ein Vertreter der Außenwelt, mit anderer Prägung, (kommen Sie nicht aus dieser, na, „Studentenbewegung“?). Und damit manchmal vielleicht auch eine Anfechtung. Soll’s ja geben, im Christenleben. Manche haben freundlich und neugierig nachgefragt, andere haben etwas deutlicher verlauten lassen: Bei uns so nicht.

Ich denke, wir waren gut miteinander unterwegs, spannend, spannungsreich, mit geöffneten Türen und Fenstern zur Welt. Schöneberg, wo bist Du? Nur noch 20% der Bevölkerung sind evangelisch. Nur noch knapp 10% davon wählen alle drei Jahre den Gemeindekirchenrat, und ±3% der Mitglieder kommen sonntags in die beiden Gottesdienste unserer Gemeinde (zwischen 100 und 200). Auch im heiligen Heilsbronnen. Da ist wahrlich noch Luft zum Wachsen. Und ganz vorsichtig sind wir auch auf dem Wege, in der Gottesdienstbeteiligung zu wachsen. Es kommen immer wieder neue Menschen, das ist doch eine Chance! Und offerierter Kredit. Und eine Herausforderung! Denkt an die Neuen. Seid aufmerksam. Achtet sie. Was suchen sie bei uns an Qualität und Klasse? Was vermissen sie hier? Nein, sie müssen sich nicht auf unseren Stand hocharbeiten. Dann sind sie bald wieder weg. Wir haben nicht in allem recht, nur weil wir der Heilsbronnen sind. Auch wir brauchen Erneuerung, andere Töne, andere Formen. Semper reformanda - die immer wieder auf das Evangelium, die Mission und die Freude hin zu erneuernde Kirche. Dem Suchenden ist der Schatz im Acker verheißen, dem Wartenden, der noch nicht weiß, was kommt, öffnet sich plötzlich eine Blüte, von der er nichts ahnte.

Gottesdienst war eine Freude im Heilsbronnen, weil die Kirche (fast) nie leer wirkt, weil scheinbar alle singen können, weil viel Erwartung und fragende Gemeinsamkeit im Kirchenschiff versammelt ist. Und glücklicherweise immer wieder ein freier Platz, der gerade für dich da ist. Wir könnten miteinander viel gelungene Gottesdienstgeschichten erzählen — und das schließt den Reichtum so unterschiedlicher Liturgien und Prediger ein wie: Eigmüller, Wohlenberg, Gunter, van Kann, von Loewenich, Bornemann, Heyne, Hövermann, Barthen. Und manchmal noch ein Professor oder General.

Und 15 - 45 Nahe und Ferne beim Taizé-Gebet. Ganz jung ist da keiner (die sind alle in Taizé), aber wenn nicht nur Fünfzigjährige, sondern auch über Neunzigjährige kommen, ist das doch auch ein Beispiel lebendiger und sich erneuernder Kirche. Oder? Ach ja, aber nun gehen Sie ja. Gar nicht schön. Ich danke für die Wertschätzung und die guten Worte von vielen. Gerade in diesen Tagen. Manchmal wird man ganz stumm.

Aber, falls Sie es noch nicht gehört haben, leise habe ich hier und da verlauten lassen: Ich bleibe doch auch. Der Heilsbronnen könnte gut unsere Gemeinde bleiben. Wir sind hier angewachsen. Ich habe nach wie vor gute Freunde in Neukölln und Wilmersdorf (und dazu rheinische Wurzeln und eine alte Liebe zur DDR…), aber in den Menschen und auch Orten in Schöneberg ist die Vertrautheit der letzten 10 Jahre versammelt. Ein kostbares Gut. Und jetzt haben wir sogar noch einen Mietvertrag in Friedenau unterzeichnet! Ich werde Pfarrer van Kann das Platzrecht für Haus, Hof, Archiv und Kenntnis aller Familien nicht streitig machen können und auch nicht wollen. Aber, schauen Sie in den Predigtplan, da werden Sie ab und zu meinen Namen finden. Und das Taizé-Gebet mache ich mit Silke Kettelhack (ihr sei groß gedankt!) für 2010 erst einmal weiter. Und der „Pfarrer aus eigener Kraft“, aber das wissen Sie ja schon, dass wir den auch noch richtig schön ans Laufen bringen wollen. Gemeinsam.

Und ich freue mich auch auf ganz unbefangene Teilnahme am Frühlingsfest oder Gottesdienst. Sei es hier oder anderswo. Als neugieriger Sänger und kirchlicher Entdeckungsreisender, „man darf Dienst tun, wenn man gebeten wird“ (und nur dann!), das ist das Privileg des ordinierten Amtes bis ans Lebensende und die herrliche Freiheit Ja zu sagen oder Nein. Schön, dass es in der „Kirche der Freiheit“ auch noch diesen Lebensabschnitt der eigenen Freiheit gibt.

Ich danke Ihnen fürs treue und erwartungsvolle Mitlesen, alle zwei Monate. Jetzt haben Sie genug vorgesetzt bekommen. Machen Sie sich selber auf den Weg, auf die Suche nach Schönem in Schöneberg.
Das finden Sie doch raus!
(Und behalten Sie’s nicht für sich selbst). Wir seh’n uns. Schon bald, um die nächste Ecke.

Und nun geht hin mit dem Segen des Herrn:

  Ihr könnt sicher sein,
  ER geht euch voran.
  Und ER erwartet euch an Orten,
  die ihr nicht kennt
  und bei Menschen,
  die ihr euch nicht ausgesucht habt.

Ihr Wolfgang Barthen

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