letzte Aktualisierung: 06.02.2012 13:31:27
Am schönsten ist das Licht im Heilsbronnen am Nachmittag. Dann scheint die Sonne durch die sechs farbigen Glasfenster auf der Südseite und wirft vielfältige Reflexe auf die weißen Pfeiler und in die Kirche. Warmes Licht und Stille erfüllen den Raum. Der große Christus auf dem Goldgrund des Kreuzes in der Apsis über dem Altar, die beiden Schatten des Kreuzes links und rechts und der Lichtstrahl hinter dem Kruzifixus ziehen den Blick auf sich — die Kreuze von Golgatha und das Licht der Auferstehung. Ganz besonders im Schweigen der Nachmittagsstunde ist im Kirchenraum eine dichte Atmosphäre des Erfüllten, Geheimnisvollen wahrnehmbar. „Gott ist gegenwärtig...“ An jedem Dienstag und Donnerstag ist die Kirche von 14 bis 18 Uhr zur stillen Andacht geöffnet.
Die einfache Straßenkirche in der Heilbronner Str. 20 (Nähe U-Bahnhof Bayerischer Platz) fällt mit ihrer dunkelroten Klinkerfassade von 1912 in der Häuserzeile kaum auf. Aber in Schalen vor ihren Stufen blühen in üppiger Fülle Blumen, „der schönen Gärten Zier“. Ihre zarte Pracht weist auf „des großen Gottes großes Tun“ und damit auf die Kirche hinter dem alten schmiedeeisernen Portal hin. Der Heilsbronnen wurde 1910/12 als vierte Tochter der Schöneberger Dorfkirche auf dem letzten freien Grundstück im Bayerischen Viertel errichtet. So klein die Kirche ist, wurde sie als Dom gebaut: Aus der niedrigen Vorhalle (mit moderner, reich gemalter Kassettendecke) tritt man in das hohe lichte Schiff mit seinen zwölf gotisch-spitzbogigen Fenstern. Wie mündlich überliefert ist, befand sich auf dem Wiesenstück zuvor ein Quell, ein Brunnen und / oder die Kuhtränke der Schöneberger Bauern. Diese Tatsache soll bei der Namensgebung nach Jesaja 12 „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen“ eine Rolle gespielt haben. Im Kriegsjahr 1943 brannte die Kirche bis auf die Außenmauern aus. 1956 wurde sie neu geweiht. Im Innern ist sie nun praktisch ein Neubau von moderner, schlichter Schönheit. Neben zwei russischen Ikonen und einer gotischen Berliner Madonna enthält der Heilsbronnen zahlreiche moderne Kunstwerke. Die schönsten und bedeutendesten sind die farbigen Glasfenster, die die biblische Geschichte erzählen.
Die Gemeinde schöpft bis heute Freude aus ihrer Kirche. Wie eh und je gibt es jeden Sonntag zwei Gottesdienste, um 9 Uhr einen Abendmahlsgottesdienst, in dem Luthers - modernisierte - Deutsche Messe, geprägt von einer feierlichen, großenteils gesungenen Liturgie, gefeiert wird, und um 11 Uhr einen Predigtgottesdienst. Regelmäßig besuchen etwa 40 Teilnehmer den ersten und 80 bis 120 den zweiten Gottesdienst. Oft schmückt Kirchenmusik die Gottesdienste zusätzlich aus. Und die exzellenten Konzerte alter und neuer Kirchenmusik locken Hörer weit über Schöneberg hinaus an.
Freude schöpfen die Gemeinde und ihre Gäste auch aus dem neuen Kirchencafé. Es ist nach den Gottesdiensten geöffnet, außerdem an jedem Donnerstag. Höchst beliebt ist alle vierzehn Tage der „Treff im Café“, ein Kultur-Nachmittag nach Art der „Literarischen Cafés“ im alten Berliner Westen. Von 15 bis 17 Uhr gibt es Kaffee und Kuchen und anschließend einen Vortrag oder eine Lesung. Bisheriger Höhepunkt war ein Nachmittag mit Horst Pillau. An den anderen Donnerstagen ist das Café im Rahmen der Offenen Kirche ab 15 Uhr zum Plausch geöffnet; eine kleine Lesung setzt das Sahnehäubchen auf den Kaffee. An jedem dritten Donnerstag im Monat endet die Offene Kirche mit einer Taizé-Andacht um 18 Uhr.
Junge Leute treffen sich freitags ab 17 Uhr im Jugendcafé. Auch da wechseln Themen und Aktivitäten. Man kommt zusammen, um beispielsweise gemeinsam eine DVD zu sehen, zu einem Fest wie Pfingsten Torten für das Kirchencafé zu backen und natürlich zur Bibelarbeit. An Schüler mit wenig Freizeit wendet sich der Konfirmandenunterricht. Die derzeit 30 Konfirmanden treffen sich einmal im Monat, meist am Sonnabend, von 10 bis 15 Uhr. Eingeschlossen sind das Mittagessen, das die Eltern zubereiten, und Pausen, in denen Tischtennis, Kicker oder Fußball gespielt werden kann. Eine sechstägige Reise zu Ostern ist der krönende Abschluss dieses Gemeinschaftserlebnisses. Die Leitung liegt bei Pfarrer Hövermann, Diakon Heyne, Frau Botian und zehn ehemaligen Konfirmanden als Teamern.
Der alte Brunnen auf der Wiese existiert nicht mehr. Als ein anderer Brunnen, an dem die Menschen der Umgebung auch heute noch Freude und Erfrischung finden können, liegt nun die Kirche Zum Heilsbronnen mitten im Bayerischen Viertel.
Kristin Krämer