letzte Aktualisierung: 15.05.2012 07:22:27

Theodor Burckhardt – Pfarrer am Heilsbronnen 1931 bis 1945

Porträt Pfr. Th. Burckhardt
Theodor Burckhardt
1931 bis 1945
Pfarrer am Heilsbronnen
Porträt Bolette Burckhardt
Seine Ehefrau Bolette Burckhardt
geb. Michelet
Helferin für verfolgte Juden

Ein neuer Pfarrer

1932 wurde Theodor Burckhardt auf die neu errichtete 3. Pfarrstelle der Kirchengemeinde Zum Heilsbronnen berufen, die er bis 1945 innehatte. Er war damals 47 Jahre alt. Nach Studium und Vikariat hatte er 1911 seine erste Pfarrstelle in Sollstedt, Kreis Grafschaft Hohenstein angetreten. Im selben Jahr heiratete er seine aus Norwegen stammende Frau Bolette, geb. Michelet. Aus dieser glücklichen Ehe gingen neun Kinder hervor.

1914 wechselte Burckhardt in die von Fritz von Bodelschwingh geleiteten Betheler Anstalten.

„Von bestimmendem Einfluss für mein inneres Leben wurde mir dort die Begegnung mit der Theologie der Reformation, insbesondere Luthers, welche ich dem Dienste der Sydower Bruderschaft verdanke.“

Während des Krieges wurde er mehrfach als freiwilliger Feldgeistlicher einberufen.1925 begann ein neuer Dienstabschnitt der Vereinigten Evangelischen Gemeinde Unterbarmen. Von dort aus ging es nach Berlin-Schöneberg an den Heilsbronnen.

Burckhardt arbeitete hier mit Hermann Willigmann und Gustav Heidenreich – beide wurden zwei Jahre nach ihm 1934 eingeführt – zusammen. Trotz mancher Unterschiede bestand zwischen ihnen eine geistliche Gemeinschaft, die Burckhardt mit den Worten beschreibt:

„Die drei Pfarrer Willigmann, Heidenreich und Burckhardt verkündigen kein anderes Evangelium. Niemals hat auf der Kanzel unserer Kirche ein D.C. gestanden.“

Die Stimme der „Gemeindegruppe Deutscher Christen Zum Heilsbronnen“ war der Ingenieur A. Fröhlich, der auch im Gemeindekirchenrat saß. Er hat Burckhardts Arbeit immer wieder behindert, ihn z. B. 1936 beim Oberkirchenrat und der Ortsgruppe der NSDAP denunziert. Für sein Verhalten wurde Fröhlich vom Gemeindekirchenrat gemaßregelt.

Die religiöse Stimmung im Jahr 1933

Leonhard Fendt (1926-1934 Pfarrer am Heilsbronnen, seit 1931 Privatdozent für praktische Theologie an der Berliner Universität, dort ab 1934 Professor für Praktische Theologie und Universitätsprediger am Deutschen Dom am Gendarmenmarkt) war außerordentlich bekannt. Die gebildete Welt der Reichshauptstadt war sein Wirkungskreis. Er war ein absolut a-politischer Mensch. Sein Artikel in den Kirchlichen Nachrichten im Mai 1933 ist ein Beispiel dafür, wie weiteste kirchliche Kreise zu Hitler umschwenkten:

„In unserem gegenwärtigen Augenblick kommt nun plötzlich die Kirchenflucht zum Stehen. Ja, eine große Volksbewegung will in die Kirche hinein. Der Staat findet kein Interesse mehr, sich möglichst weit von der Kirche abzusetzen, er will vielmehr die Kirche im Volksganzen an der Arbeit sehen und ihr die Teile seiner eigenen Aufgaben übertragen, welche von der Kirche am Trefflichsten erfüllt werden dürften. Dieser Staat hält für Religion, für Christentum nicht mehr alles Beliebige, sondern positiv dasjenige, was in der evangelischen und katholischen Kirche konkret geworden ist.“

Mit den Massen, die in Fendts Gottesdienste strömten, kamen auch Nationalsozialisten, denen er sich als „ein freundlich gesinnter Neutraler“ gab. „Eine große Volksbewegung will in die Kirche hinein“ — Fendt durchschaut nicht die Strategie, die dahinter steht. Hitler selbst hatte dafür grünes Licht gegeben, um sich der Kirche zu bemächtigen. Nach seiner Ernennung zum Reichskanzler startete er einen Vertrauensfeldzug, der sich an die Kirchen und ihre Mitglieder richtete. Zugleich wurden Parteimitglieder ermuntert, sich in der Kirche zu engagieren. Über den Rundfunk und an den Litfasssäulen plakatiert richtete er einen ‚Aufruf an das deutsche Volk’; er beteuerte darin, die neue Regierung werde „das Christentum als Basis unserer gesamten Moral…in ihren festen Schutz nehmen“.

In der Regierungserklärung zur Eröffnung des neu gewählten Reichstages am so genannten Tag von Potsdam am 22. März 1933 sagte er:

„Die nationale Regierung sieht in den beiden christlichen Konfessionen wichtigste Faktoren zur Erhaltung unseres Volkstums. Sie wird die zwischen ihnen und den Ländern abgeschlossenen Verträge respektieren; ihre Rechte sollen nicht angetastet werden. Sie erwartet und hofft, dass die Arbeit an der nationalen und sittlichen Erhebung unseres Volkes, die sich die Regierung zur Aufgabe gestellt hat, umgekehrt die gleiche Würdigung erfährt.“

Das war die Situation 1933: Die Regierung will das Christentum - auf ihre Weise! - in ihren Schutz nehmen und fordert von der Kirche Würdigung ihrer Arbeit – der „nationalen und sittlichen Erhebung“ des Volkes. Mit diesen Worten ist die völlige Umgestaltung Deutschlands zum nationalsozialistischen Führerstaat unter der Hakenkreuzfahne gemeint. Die Kirche wird von Parteimitgliedern unterwandert, damit sie mitzieht. Die Spitzen der Kirche erklärten sich zur Mitarbeit bereit!

  • Ostern 1933 wurde von allen Kanzeln eine Osterbotschaft verlesen, in der die „Freude über den Aufbruch der tiefsten Kräfte unserer Nation zu vaterländischem Bewusstsein, echter Volksgemeinschaft und religiöser Erneuerung“ zum Ausdruck gebracht wurde. Man sah sich „mit der Führung des neuen Deutschland dankbar verbunden“ und war „freudig bereit zu Mitarbeit an der nationalen und sittlichen Erneuerung unseres Volkes“.
  • Den Kirchengemeinden wurde empfohlen, am zweiten Osterfeiertag des bevorstehenden Geburtstags des Reichskanzlers Adolf Hitler fürbittend zu gedenken.
  • Die nationale Angliederung der Kirche wurde ins Werk gesetzt. Ganz oben auf der Agenda standen: Die Errichtung einer einigen Reichskirche unter Reichsbischof Ludwig Müller, Gleichschaltung der Landeskirchen, Abschaffung der Synoden („Führerprinzip“ in der Kirche) und die Übernahme der Reichsgesetzgebung gegen die Juden.
  • Kritik wird an den Maßnahmen der Regierung und den Begleiterscheinungen der so genannten „nationalen Revolution“ wurde nicht geübt.

Innerkirchliche Opposition

Zwei Andachten Burckhardts aus dem Jahre 1933 sind auf diesem Hintergrund zu lesen. Die Formulierungen sind behutsam abgewogen, lassen aber keinen Zweifel daran, wo er steht:

„Ist man dem Ziel näher gekommen? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Sie kann für ein Volk oder für eine Kirche überhaupt nur beantwortet werden, wenn wir über das Ziel einig sind. Das ist nicht der Fall. …Gegen die Ziele, die „Führer“ uns stecken, sind wir sehr misstrauisch geworden. …Je weniger wir den Irrlichtern nachlaufen, die hier auf Erden auftauchen, …desto heller werden wir, wenn wir unsere Augen zu Gott erheben, alle seine Herrlichkeit an uns vorübergehen sehen.“

(Kirchliche Nachrichten Januar 1933)

„Führer“ ist für ihn kein positiver Begriff. Es darf keinen Führerkult geben. Führer gehören zu den Irrlichtern, die es auf Erden gibt. Man darf ihnen nicht trauen. Die Maßnahmen der neuen Regierung sprechen für sich: Ermächtigungsgesetz, Verhaftungen, illegale Konzentrationslager, Abschaffung der Demokratie, Boykott gegen Juden, Entlassung von Juden aus dem Staatsdienst. Burckhardt spricht das nicht offen aus. Er weiß, manchen ist das schon zu viel, was er sagt. Aus einer Gemeindekirchenratssitzung vom 6. Juli 1935 ist folgende Kritik an Burckhardt überliefert:

„Herr Geh. Rat. Weber erklärt, Politik gehöre nicht auf die Kanzel, vor allem nicht eine solche, die sich gegen unseren Führer (Adolf Hitler) wendet.“

In den „Kirchlichen Nachrichten“ vom August 1933 schreibt er:

„Es ist nun unser aller Pflicht und Verantwortung, dass in der neu verfassten Kirche die alte, ewige Botschaft der Kirche Jesu Christi rein und lauter, unverkürzt und unverwischt ausgerichtet wird, damit durch diese Botschaft der deutsche Mensch, wie einst so auch heute, zu Jesus Christus gerufen, zum rechten Glauben gebracht und darin erhalten und zu der Gemeinschaft der Gläubigen gesammelt werde, welche die Kirche nach dem Willen ihres Meisters sein soll.“

Die alte, ewige Botschaft unverkürzt auszurichten – das klingt konservativ, ist aber im Jahre 1933 hochaktuell und kirchenpolitisch brisant. Unter dieser Parole kämpften verschiedene Gruppierungen gegen die Überfremdung der Kirche mit nationalsozialistischem Gedankengut. Sie bildeten Theodor Burckhardts geistige Heimat.

Als erstes ist die Sydower Pfarrer-Bruderschaft zu nennen, der sich Burckhardt in Bethel angeschlossen hatte. Ihr Ziel war die geistliche Erneuerung des Pfarrerstandes durch Gebet, biblische Besinnung und ein vertieftes Studium der Theologie Martin Luthers. Sie stand der Lutherrenaissance nahe. Burckhart war mit ihrem Leiter Georg Schulz sein Leben lang eng verbunden. 1925 folgte Schulz in Burckhardts Pfarrstelle in Unterbarmen. Burckhardts Schwester Lena war zeitweilig seine Sekretärin. 1945 verlässt er Berlin, als Schulz ihn ruft. Die Schritte der Bruderschaft zur Jungreformatorischen Bewegung, zum Pfarrernotbund und zur Bekennenden Kirche geht Burckhardt engagiert mit.

Die Jungreformatorische Bewegung: So nannte sich der Zusammenschluss der Bruderschaften zu den Kirchenwahlen im Juli 1933, um ein Gegengewicht zu den Deutschen Christen zu bilden. Im Unterschied zu diesen erhoben sie den Anspruch, allein aus dem Wesen der Kirche heraus handeln zu wollen. Die Frage nach Rasse, Volk und Staat sollte von den kirchlichen Bekenntnissen aus gegeben werden und nicht aus der nationalsozialistischen Weltanschauung. Der Ausschluss von Nichtariern (so wurden Juden bezeichnet) aus der Kirche wurde abgelehnt. Als Reichsbischof wünschte man Fritz von Bodelschwingh aus Bethel und nicht Hitlers Beauftragten Ludwig Müller, der dann doch im September 1933 gewählt wurde.

Nach dem katastrophalen Ausgang der Kirchenwahlen – die Deutschen Christen hatten auf der ganzen Linie gesiegt – schlossen sich engagierte Geistliche, darunter auch Theodor Burckhardt und Georg Schulz im Pfarrernotbund zusammen. Sie banden sich für ihre Verkündigung nur an die Heilige Schrift und an die Bekenntnisse der Reformation und bezogen damit die Theologische Gegenposition zu den Deutschen Christen.

1934 stellte sich die Bekennende Kirche der weitgehend nazifizierten Reichskirche entgegen. Ihr Gründungsdokument ist die theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen. (Sie steht unter der Nummer 810 im Evangelischen Gesangbuch) Von besonderem Gewicht waren die Verwerfungen der falschen deutschchristlichen Lehre, die hier ausgesprochen wurden:

„Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ (zu These I) „Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“ (zu These III)

Neben Pfr. Eitel Friedrich von Rabenau (Apostel Paulus Kirche) und Adolf Kurtz (Zwölf Apostel Kirche) war Theodor Burckhardt (Kirche Zum Heilsbronnen) eine der Säulen der Bekennenden Kirche in Schöneberg. Nach Prof. Manfred Gailus war Burckhardt der Superintendent der Bekennenden Kirche im Kirchenkreis Friedrichswerder II, zu dem Schöneberg damals gehörte.

Sammlung einer bekennenden Gemeinde

Neben der regulären Gemeindearbeit hatte Theodor Burckhardt die Sammlung einer bekennenden Gemeinde im Blick. Dies geschah durch:

  • Informationsabende in der Pfarrwohnung oder in privaten Wohnungen, z.B. über die Richtlinien der Glaubensbewegung Deutsche Christen.
  • Einladung prominenter Theologen aus der kirchlichen Opposition. Von 1932- 1934 wirkte der von den Nazis als „Pazifist“ aus Halle vertriebene Günter Dehn am Heilsbronnen.
  • Fürbitte im Gottesdienst für inhaftierte Mitglieder der Bekennenden Kirche.
  • Verlesung der Abkündigungen der Bekennenden Kirche zu besonderen Anlässen im Gottesdienst.
  • Eine zusätzliche Kollekte, die am Altar niedergelegt wurde, zur Finanzierung der Aufgaben der Bekennenden Kirche (z.B. für illegale Pfarrer, Predigerseminare und theologische Hochschulen).
  • Bekenntnisgottesdienste, in denen die bekennenden Gemeinden Berlins zusammenkamen.

Von den Gegnern wurde das misstrauisch beäugt und nur widerwillig hingenommen. Sie lagen ständig auf der Lauer, um Burckhardt dingfest zu machen. So erreichten sie z. B. die Abberufung Günter Dehns, der daraufhin an die Kirchliche Hochschule der Bekennenden Kirche wechselte.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ die Männer und Frauen der Bekennenden Kirche weigerten sich das Liebesgebot Jesu auf die nach den Nürnberger Gesetzen definierten „Volksgenossen“ zu beschränken. Ihnen war klar, dass Jesu Gebot auch den vom Regime mehr und mehr ausgegrenzten Juden gegenüber galt. Deshalb bilden sich im Umkreis der Bekennenden Kirche illegale Helferkreise. In der neuen Chronik der Evangelischen Kirchengemeinde Zum Heilsbronnen, verfasst von Pfr. i. R. van Kann, wird darüber folgendes berichtet:

Der Dienst an Juden

Das NS-Regime hatte am 4.10.1936 dekretiert: „Die Taufe von Juden und der Übertritt zum Christentum hat keine Bedeutung für die Rassenfrage“, was bedeutete, dass sie wie Juden behandelt und verfolgt wurden. Der Dienst an den Juden erforderte Mut und Erfindungsreichtum. Zum „Büro Grüber“, das sich um Juden, Judensternträger und ihre Familien kümmerte, hatte Burckhardt ebenfalls Verbindung.
Er schreibt:

„Nach der Zählung von 1935 waren 23 Prozent der Bewohner des Gemeindebereichs nicht-arisch! … Das Schicksal der Juden konnte die Gemeinde nicht aufhalten, sondern nur in Einzelfällen lindern, aufrichten und helfen. Zuerst sammelte Prof. Erwin Reisner im Gemeindehaus nichtarische Christen zur Bibelstunde. Als diese verboten wurde, nahmen die bestehenden Bibelstundenkreise die heimatlos Gewordenen in ihrer Mitte auf… Von Vielen, die mit Verzweiflung kämpften, wurden Pfarrer um Rat und Trost gebeten. Eine schwere Aufgabe! Was sollten wir denen sagen, die mit Weib und Kind den Abtransport kommen sahen? — Einer 80jährigen reichte ich gerade das Abendmahl, als sie geholt wurde! Im Auftrag der Bekennenden Kirche sucht das Gemeindeglied Frl. von Arnim Bedrängte auf, um sie innerlich für den namenlos schweren Weg mit Trost aus Gottes Wort zu stärken… Dank opferfreudiger Hilfe von Gemeindegliedern gelang es, Untergetauchten Nahrung und Obdach in Berlin und außerhalb zu verschaffen.“

Bei jeder nur möglichen Gelegenheit ließ Burckhardt Lebensmittelmarken sammeln, die dann weitergegeben wurden. Die Mitglieder einer Arbeitsgemeinschaft (vergleichbar späteren Besuchsdienstkreisen) wurden von ihm mit einem Ausweis versehen. Den gab er dann auch nicht arischen Gemeindegliedern und wies ihnen eine Pflegschaft in der Nachbarschaft zu, wo Besuche in der Dunkelheit möglich schienen. So wurde z.B. ein Frl. Lieselotte Nathusius, selbst Sternträgerin aus der Rosenheimer Str. 17, mit dem seelsorgerlichen Dienst für das Haus Nr. 16 beauftragt; solange es ging, übte sie ihn aus, um dann selbst wohl unterzutauchen - auch nach 1945 wohnte sie noch in der Gemeinde.

„Gott hielt seine Hand schützend über dem kleinen Kreis der Helfenden: nur eine der mir bekannten Helferinnen wurde verhaftet und zu Zuchthaus verurteilt.“

Aus den Berichten von Kindern des Pfr. Burckhardt erfahren wir, wie auch Frau Burckhardt auf verschiedene Weise Juden half. Sie sammelte Lebensmittelmarken, um sie an untergetauchte Juden weiterzugeben. Wegen ihrer neun Kinder war sie Inhaberin des goldenen Mutterkreuzes und nutzte diese Position aus, um irgendwelche Zuteilungen oder Vergünstigungen zu erreichen. Als gebürtige Norwegerin hatte sie viel Familie in Norwegen, von der sie Post bekam. Dafür erhielt sie einen Ausweis, den sie vorweisen musste, wenn sie einen Brief schicken wollte. Dieser Ausweis besaß kein Lichtbild. Sie ‚verlor‘ ihn manchmal und musste dann einen neuen beantragen. Beim dritten Mal wurde Pfr. Burckhardt vorgeladen und bei der Gestapo dazu ausgefragt. Er erklärte völlig unbefangen, dass alle, die die Markenmappe seiner Frau sähen, wohl verstehen würden, dass es fast unmöglich sei, da nichts zu verlieren. Damit überzeugte er sogar in diesem Fall die Gestapo, aber seine Frau verzichtete weiter auf den Einsatz dieses Ausweises, um damit Juden zu helfen. Gelegentlich wurde auch der jüngste Sohn in Uniform der Hitler-Jugend mit einem Essentöpfchen auf Hinterwegen durch die Trümmer zu versteckten Leuten geschickt.

Die Tochter berichtet:

„Ich erinnere mich besonders deutlich an das tief erschrockene Gesicht meiner Mutter, als ich unerwartet zu Hause auftauchte und da mitkriegte, dass eine Jüdin in Vaters Arbeitszimmer schlief. Ich empfand das damals als schmerzlich, dass Mutter kein Vertrauen hatte. Doch Mutter verstand es mir klar zu machen, dass die Sicherheit, ja vielleicht das Leben davon abhinge, dass niemand zu Antworten gezwungen werden könne. Besonders wir Kinder nicht. Dass Vater durch seinen Platz in der Bekennenden Kirche ohnehin schon in der Gefahrenzone war, wußten wir ja; er hatte mehrere Male Hausarrest, war auch mal 3 Wochen im Gefängnis und immer unter Aufsicht.“

Soweit die Gemeindechronik.

Max und Karoline Krakauer

Im Januar 1943 drohte dem Ehepaar Krakauer in Berlin die Deportation. Damit begann eine Flucht, die erst 1945 endete. Durch ein Netzwerk der Bekennenden Kirche wurden sie von Pfarrhaus zu Pfarrhaus geschleust, bis sie schließlich in Baden-Württemberg überleben konnten. Alle Stationen sind in dem Buch „Lichter im Dunkel“ (Calwer Verlag) von Max Krakauer beschrieben. Stellt man sie zusammen, kommen fast unglaubliche Zahlen zusammen. Zunächst 6 Stellen in Berlin, dann 15 in Pommern, wohin sie die Flucht als Erstes führte. Dann wieder 2 Stellen in Berlin.

Eine Zufluchtsstätte war vom 1. bis 7. August 1943 die Pfarrfamilie Burckhardt im Heilsbronnen. Max Krakauer berichtet von einem bewegenden Gespräch:

„Mit Pfarrer Burckhardt hatte ich hin und wieder Gelegenheit, mich ausführlich zu unterhalten. Dabei sprechen wir auch von der Gefahr einer Entdeckung in seinem Hause. Und diese Gefahr bestand nicht nur in unserer Einbildung und Angst, sondern war sehr real, da er zu jenen Geistlichen gehörte, die scharf beobachtet wurden. Er machte keinen Hehl daraus, dass bei unserer oder seiner Verhaftung größere Kreise der Bekennenden Kirche in die Sache hineingezogen werden könnten. Niemals würden meine Frau oder ich dann einen Namen nennen, beteuerte ich ihm. Doch ernst und erfahren erwiderte er mir: ,Versprechen Sie nichts, was Sie wahrscheinlich nicht halten können; denn die Methoden, die die an der Macht befindliche Clique anwendet, um herauszubekommen, was sie wissen will, sind derart, dass selbst ich nicht weiß, ob ich ihnen standhalten könnte.‘ Ich meinte damals noch zweifelnd mit dem Kopf schütteln zu dürfen, aber ich wußte noch nichts von den Grauen und Schrecken der Konzentrationslager, um einzusehen, wie recht er hatte. Er erzählte nicht viel, nur einmal sagte er etwas vom Einklemmen der Fingerspitzen in eine zuschlagende Tür, um die Leute zum Reden zu bringen. Obwohl er um all das wußte, behielt uns dieser Mann in seinem Hause, und wenn wir es selbst nicht verlassen hätten, er hätte uns nie hinausgewiesen.“

Von Berlin gelangten das Ehepaar Krakauer nach Stuttgart. Von dort aus durchquerten sie den ganzen südlichen Bereich zwischen Pforzheim und Göppingen, Waiblingen und Calw, Herrenberg und Metzingen. Unterschlupf fanden sie zumeist in Pfarrhäusern, insgesamt waren es 47(!) Häuser. Allen, die dem Ehepaar Krakauer Quartier gaben, war die Gefährlichkeit bewusst. Sie gingen das Risiko von Entdeckung oder Verrat alle ein. Max Krakauer beschließt sein Buch mit den Worten:

„In tiefer Demut danken wir Gott für seine Hilfe, ohne die wir verloren gewesen wären. Solange es uns vergönnt ist zu leben, werden wir ihn dafür preisen. Wir danken auch all den vielen Menschen, die um unseretwillen Freiheit und Leben aufs Spiel setzten, unsretwegen, die sie vorher nie gesehen noch gekannt. Siebenundzwanzig Monate haben sie uns nicht nur beherbergt und ernährt, sondern darüber hinaus mit allen den Mitteln des täglichen Lebens versehen, die notwenig waren, um diese Zeit zu überstehen…“

Der Ruf

Am 20. Februar 1945 erreichte Theodor Burckhardt ein dringlicher Ruf von Georg Schulz aus Hamfelde in Holstein: Er solle zu ihm kommen. Der kirchliche Wiederaufbau Deutschlands erfordere die volle Präsenz der Bruderschaft. Nach schwerem inneren Ringen verließ Burckhardt am 14. April 1945 ohne Genehmigung der Kirchenbehörde mit einem der letzten Züge die Reichshauptstadt. In Bad Oldesloe konnte er bei seinen Geschwistern unterkommen. Er eilt sofort zu Schulz. Am 24. Mai 1945 verstarb nach kurzem, schweren Leiden seine geliebte Frau und treue Lebensgefährtin Bolette Burckhardt.

Christian J. Hövermann
Edmund van Kann

Am Sonntag, dem 19.09.2010, wurde im Beisein des Sohnes Dr. Günter Burckhardt, der Schwiegertochter Marianne Burckhardt, der Enkelinnen Anne und Mechthild Burckhardt, des Enkels Klaus Johannes Burckhardt und weiterer Angehöriger der großen Familie Burckhardt die Gedenktafel für den Pfarrer unserer Kirchengemeinde Theodor Burckhardt und seine Frau Bolette enthüllt.