letzte Aktualisierung: 03.09.2010 21:44:00
(im Frühjahr 2009)
Der Durchbruch kam urplötzlich und fast gewaltsam. Auf einmal war der Frühling da. Die Minusgrade der letzten Woche und Monate waren von einer Sekunde auf die andere vergessen, das Blau des Himmels hatte das Grau, in das die Stadt den langen Winter über eingehüllt war, verdrängt, die Sonne wärmte Gedanken und Glieder. Endlich. Und das alles genau rechtzeitig zu unserer kleinen alljährlichen Ostsee-Fahrt mit dem Kindergarten „Flohzirkus” nach Graal-Müritz.
Schon als wir durch den groß angelegten Rhododendronpark laufen, spüren
wir die Kälte des Meeres. Und dann liegt es vor uns: eine riesige stille Fläche,
graublau und durchsichtig. Am Horizont ziehen langsam wie Schnecken riesige Schiffe
vorüber, in Strandnähe tummeln sich einige wenige Segelboote. Der Strand
selbst ist menschenleer und wenn man über den feinen Sand rennt, quietscht er,
als sei er frisch gewienert. Die Kinder sind wie befreit, das Wasser, die Weite —
sie sehen und hören nichts mehr, tauchen ab in ihre ureigene Welt der Elemente.
Zum vierten Mal ist der Flohzirkus nun nach Gral Müritz gekommen. Am frühen
Freitag Nachmittag treffen sich die ersten Familien, die mit dem Auto angereist
sind. Die Freude der Kinder, sich an einem fremden und doch vertrauten Ort zu treffen,
ist groß. Wer erinnert sich am besten, wer findet den Weg zurück zum „Haus
Wartburg” (
mehr ) am schnellsten, wer weiß noch, wo das Spielzimmer ist?
Abends um sechs treffen sich dann alle zum gemeinsamen Essen im Speisesaal, die Zugfahrer wie die letzten, nun eintrudelnden Autofahrer und zu ganz später Stunde, als die Kinder schon todmüde in die Federn gesunken und die Eltern vereint bei einem letzten „Absacker” sitzen, trifft auch der letzte Vater ein.
Dieser Ausflug gen Norden, rund zweihundertfünfzig Kilometer von Berlin entfernt,
ist nicht nur für die Kinder ein Höhepunkt, denn auch die Erwachsenen werden
für die Strapazen der Anreise entlohnt — und erst Recht dieses Jahr. Denn trotzdem
wir nun alle keine „Haus Wartburg”-Neulinge sind, ist es doch so, als
wären wir zum ersten Mal hier. Haben wir vor zwei Jahren noch Schneemänner
gebaut, können wir diesmal endlich und zum ersten Mal den Garten nutzen, und
nicht nur das: auf besonderen Wunsch eines Vaters stellen unsere reizenden Gastgeber
Samstagmittag ein Grillfest auf die Beine mit Brat- und Räucherwurst, Kartoffelsalat
und Gemüse. Tische und Bänke haben sie morgens noch bei der Feuerwehr organisiert.
Das ist wahre Gastfreundschaft!
Überhaupt ist das Klima im „Haus Wartburg” so gelassen und entspannt,
dass es sich auch auf die Kinder zu übertragen scheint. Wer befürchtet
hat, bei rund zwanzig Kindern – so viele sind es in unserer Gruppe inklusive Geschwisterkinder
– könne es leicht anstrengend und laut werden, sieht sich enttäuscht: nein,
keine Streitereien, keine Tränen. Es herrscht eitel Sonnenschein drinnen wie
draußen, zwischen Klein und Klein und Groß und Groß und das bis
zur Abfahrt zurück in die Hauptstadt, Sonntagmittag. Dass diese zweieinhalb
Tage nicht langweilig werden, dafür sorgt auch Meingard Lohse, die ihren Berliner
Trupp wieder mit elegant bestimmter Freundlichkeit zu führen weiß. So
gibt es neben der Vollauslastung des Gartens mit all seinen Spielgeräten und
dem Kicker im Keller immer wieder kleine Höhepunkte, wie das allabendliche Vorlesen,
die traditionelle Schatzsuche oder das Drachen- und Laterne-Steigen-Lassen am Strand
oder auch die Flaschenpost, die Sonntagmittag noch ins Meer geschmissen wird. Vielleicht
findet unseren Gruß ja jemand – und die Kinder bekommen irgendwann Post nach
Berlin zum Viktoria-Luise-Platz, eine Erinnerung an ein wunderschönes Frühlingswochenende.
(Christine Deggau, wird veröffentlicht im Gemeindebrief Juni 2009)